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Hat das Nomenklatursystem von Linné ausgedient?

AK_CCM, (vor 4603 Tagen)

Re: Hat das Nomenklatursystem von Linné ausgedient

UweL, (vor 4602 Tagen) @ AK_CCM

Auf eine solche Idee können nur Forscher kommen, die nie morphologisch und/oder ökologisch gearbeitet haben. Für Bakterien oder Viren mag die automatische Klassifikation sinnvoll sein - aber was macht der Kartierer "im Feld"? Muss der erst alles in einen Sequenzier werfen, bevor er weiß, was er gefunden hat? Das ist, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, eine völlig unrealistische Vorstellung, ganz und gar an der (nicht-akademischen) Praxis vorbei.
Gruß, Uwe

Hallo Beobachter der Moderne,
Die Welt sieht schon den Untergang des antbewährten binären Namenssystems:
http://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article125128331/Forscher-wollen-neue-Namen-fuer...
Hier noch der zugehörige Fachartikel: Marakeby, H. et al. (2014) A System to
Automatically Classify and Name Any Individual Genome-Sequenced Organism
Independently of Current Biological Classification and Nomenclature. PLoS
ONE 9(2): e89142.
Gruß, Andreas

Re: Hat das Nomenklatursystem von Linné ausgedient

Der Juergen, (vor 4602 Tagen) @ AK_CCM

Hallo Andreas,

danke für den interessanten Link. Ich glaube, dass die zukünftige Entwicklung - nicht nur in der biologischen Nomenklatur - eher in die sprachlich anschauliche Richtung geht: also weg von den unleidlichen Ziffernblöcken, hin zu den aussprech- und vorstellbaren Namen. Es gibt schon Diskussionen darüber, z.B. Autokennzeichen oder Bankdaten auf Namen/Wortbezeichnungen umzustellen. Dass in Art-Namen nicht alles repräsentiert werden kann, ist klar, und vielleicht gibts dann zusätzlich noch einen Barcorde (trinäre Nomenklatur;-), in der Art wie im Paper vorgestellt. Die binäre Nomenklatur abschaffen ... das können wohl nur Menschen, denen jegliches Gefühl für Ästhetik abhanden gekommen ist.

Grüßle
1A0B18C0D1E0F0G0H

Re: Hat das Nomenklatursystem von Linné ausgedient

EricS ⌂, (vor 4600 Tagen) @ AK_CCM

Hallo zusammen,

ich glaube, da werden zwei Dinge in einen Topf geworfen, die nichts miteinander zu tun haben. Es geht den PLoS-Autoren keineswegs darum, ein neues Nomenklatursystem auf Artebene etc. zu erfinden und die Götterdämmerung der Linnéeschen Nomenklatur einzuleiten.

Vielmehr möchte man zukünftig jedem sequenzierten Individuum einen systematischen Namen verpassen können. Das macht auf den ersten Blick vor allem bei Bakterien einen großen Sinn, wo allein von Escherichia coli (oder auch vom Milzbranderreger aus dem PLoS-Beispiel) unglaublich viele Varianten bekannt sind, die sich in ihrer Biochemie, und damit z. B. unmittelbar in ihrer Pathogenität, grundlegend unterscheiden. Hier ist eine einheitliche Systematik abseits der dynamischen Einheit der Art (die ohnehin nur nebulös definiert ist) dringend erforderlich. Das Ganze kann man natürlich auf alle Organismen anwenden. Zum Beispiel wird es dann möglich sein, lokale Rassen z. B. der Schmetterlingstramete eindeutig zu benennen. Wenn wir uns durch eine (mögliche?) Synthese unseres binären Systems und dessen der PLoS-Autoren eines Tages eine Trockenlegung des Sumpfes der infraspezifischen Taxa (subsp., var., subvar., fm., subfm., f.sp., serovar., pathovar. usw. usw.) ermöglichen können - umso besser.

Das einzige, was man hier vielleicht kritisieren kann, ist das allzu DNA-zentrische Weltbild der Forscher. Ein Sequenzierapparat kann nur sequenzieren, aber leider keine Arten bestimmen. Pappt das Label erstmal auf der Probe, geht es schwer wieder ab; selbst dann, wenn ein Zoologie-Bewanderter nach Veröffentlichung der Sequenzen in Print und Datenbanken feststellt, dass das sequenzierte Exemplar eines Bibers nur eine besonders große Bisamratte war. Aber das ist ein alter Hut und letztlich Aufgabe von uns morphologisch/ökologisch arbeitenden Freunden jedweder Organismen, hier genauer hinzuschauen und die Damen und Herren Sequenzierer und Sequenzinterpretierer mit belastbarem Material zu versorgen.

Viele Grüße,
Eric