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Die Irren von Tirol (Text, länger)

Johannes K., (vor 7736 Tagen)

Und damit mein ich jetzt nicht die Birkenpilze, die ganz ohne Birke um Haselnußsträucher herumwachsen (begleitet von einigen Kornblumenröhrlingen) und sich vermutlich in ewiger Sehnsucht nach der einzigen Birke weit und breit verzehren. Die stand bis letztes Jahr 20 m höher, aber gleichzeitig auch 100 m weiter weg --- in Tirol halt immer alles schief und uneben.
Und ebenso wenig mein ich die Rotkappen, die es völlig ohne einzige Eiche (Pappel sowieso nicht) im reinen Fichten-/Tannenwald aushalten (Fuchsröhrlinge?) und jedes Jahr zahlreich erscheinen, so daß die Leut dieses kleine Stück im Bergwald schon als Rotkappenwald bezeichnen.
Und meinen tu ich auch nicht die Mohrenköpfe, die man als Wegzehrung roh verspeisen kann (Coco hat an dieser Stelle mal den Tip gegeben), und dann natürlich gleich noch ein paar Heidelbeeren nachschieben. Und ebenfalls nicht mein ich das lustige Übereinander von Semmelporling und Zigeuner. In einem Stockwerk der, im nächsten der ander usw. Ist halt alles ein wenig uneben.

Und wenn Hias für die bayerischen Berge Steinpilzalarm gibt, sind bei uns hier 2 Wochen später die Herrenpilze am Steßn. Und nun ist das aber eine wenig erschlossene Gegend, touristisch gesehen, was für Tirol ja eigentlich auch wieder eher merkwürdig ist. Zumindest von mir aus gibt’s keinen Weg nauf zur Alm, wo man sich mit Käse und Butter eindecken kann. Das geht nur auf alten Pfaden und dann auch querfeldein und steil aufwärts durch Wald und Almwiese. Und man trifft mal im Herbst einen Heidelbeersammler, der von oben heruntergekommen ist.
Aber dann.
Ich war nur so unterwegs, wollte mir an der Quelle mit dem besten Wasser von der Welt meine Flasche auffüllen und nebenbei rumspazieren und blöd nunterschaun ins Tal, weil kann ja immer sein, einer schaut blöd nauf. Aber wie ich an einer uralten Buche grad am Überlegen bin, ob ich über den Sumpf nüber soll und schaun, ob die Habichtspilze vielleicht schon wachsen, kommt über den steilen Anstieg einer dahergeschossen und beläßt es nicht beim blöden Naufschaun, sondern rast atemlos an mir vorbei, bevor ich noch mein Griaßdi herausgebracht hatte. An dieser Stelle hat man es nicht so mit dem Rasen, weil nach dem steilen Anstieg halt ein bißchen Verschnaufen angesagt ist. Und eigentlich ist es das Allernormalste von der Welt, daß nicht nur Verschnaufen, sondern auch längerer Plausch, quasi: ja was machst jetzt du da? Jetzt ist der durch den Sumpf gerast, daß auch das Wollgras nicht mehr mit dem Schauen mitkam. Und auf der anderen Seite hoch und rein in den Wald. Normalerweise achtet man im Morast ja schon ein bißchen auf seine Schritte, weil versinkt man auch mal schnell und wenns schlecht geht, Schuh weg und Ausgehanzug dreckig. Wahrscheinlich hat der deswegen auch eine kurze Hose angehabt. Das spritzt dann nur aufs bloße Bein.
Ich habs dann schon gemerkt, wieso der es so eilig hatte. Sein weiterer Weg war gesäumt von Stein-(Herren-)pilz-Resten. Nur von denen, nicht daß einer glaubt, es hätte irgendeinen Rest von einem anderen Pilz gegeben. Jetzt hab ich nichts dagegen, daß jemand Steinpilze erntet. Aber interessant das Konkurrenzgebaren. Er hat es deswegen so eilig gehabt, weil er in mir einen Konkurrenten vermutet hat. Und deswegen schnellschnell absäbeln die Beute.
Eine Weile später kam dann noch ein anderer dahergeschossen, Plastiksackerl in der Hand, kurze Hose auch der (wahrscheinlich wegen dem Durchspritzen durch den Morast) und ebenso in rasender Eile. Wozu? Erster sein und nichts übriglassen. Und dann ca. 65 Steinpilze als stolze Beute. Wer soll die denn alle essen? Ist doch die Großfamilie auch in Tirol schon abgeschafft.
Sie haben dann beide zielstrebig ein hierorts berühmtes Wäldchen angesteuert, wobei der eine vom anderen nichts wußte, weil sie zeitlich zu sehr auseinanderlagen. Also so etwa 15 Minuten. Das Wäldchen besteht aus lauter Moos- und Heidelbeerbuckeln, nur Fichte, ein Bach rauscht hindurch, und berühmt ist es, weil man nicht sagen kann, ob jetzt mehr Steinpilze oder mehr Fliegenpilze drin stehen. (Daß man hin und wieder fast so viele Mohrenköpfe drin trifft, sag nun wieder ich keinem.) Es gehen ein paar Pfade hindurch. Und an denen sind die Konkurrenzdeppen entlanggelaufen, haben Steinpilze gefunden, sie ordnungsgemäß gereinigt, und sind weitergelaufen, um den nächsten für die ewige Bestenliste zu erwischen. Aber interessanterweise den Pfad nicht verlassen. Denn da, neben dem Pfad, standen die Steinpilze noch. Und zwar sehr schöne, junge, knackige. Also die Qualität, die man dann doch mitnehmen könnte. Während die Waldputzreste der Superhelden (65 Steinpilze in 30 Minuten!) verrieten, daß ihre Beute schon weit vor ihnen von ca. 650 Maden (in 3 Minuten) entdeckt worden war. Und deswegen müssen sie ja auch den halben Stiel wegschneiden, Hauptsach der Hut ist gewaltig.
Ich bin solchem Wahn hier noch nicht begegnet. Weil ist halt doch eine sehr stille und abgeschiedene Gegend. Und uneben und merkwürdig alles. Aber daß dann selbst hier der Irrsinn so rasend schnell Gestalt annimmt und die urschöne Sache des Pilzesammelns in dieser Gegend dem Erfolgshecheln unterworfen wird, das hat mich einigermaßen schockiert. Und ich hoffe, daß ich in der nächsten Zeit niemand mehr begegne, der an mir vorbeiwischt wie der reinste Föhnsturm. Das kann sich höchstens der Föhnsturm selbst erlauben.
Vor 3 Wochen hab ich auf einem forststraßenartigen Waldweg eine alte Frau in Tracht, aber mit den neuesten Bergschuhen an den Haxen getroffen. Und weil du hier keinem ausweichst, der dir entgegenkommt, haben wir uns hingestanden und ein bißchen geratscht. Pilze war sehr schnell das Thema. Und sie hat gesagt, da gibt es einen Deppen, der muß jeden Eierschwamm, so klein er auch ist, sofort abschneiden und zusammensammeln. Da kann der Eierschwammknopf noch so klein aus dem Boden spitzen, er muß ihn mitnehmen. Wir haben beide den Kopf geschüttelt und gesagt, wie kann man nur so narrisch sein. Und dann sind wir weitergegangen, jeder in eine andere Richtung.

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Re: Die Irren von Tirol (Text, länger)

Thomas Pruß, (vor 7736 Tagen) @ Johannes K.

Sehr schön, sehr anschauliche Realsatire, sehr irre ;-)
Danke
Thomas

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Re: Die Irren von Tirol (Text, länger)

coco, (vor 7736 Tagen) @ Johannes K.

hallo johannes,

wenn du dich dann mal wieder meldest, so etwa ein mal in zwei jahren, dann ist das stets höchst lesenswert.
als wäre man dabei gewesen, so schüttelt man hinterher den kopf über die gehetzten... als sässe man dabei und sähe im dampfenden moos, wie sich zwischen den fichten die mohrenköpfe den gebrochenen sonnenstrahlen entgegenrecken, wenn wieder ruhe ist im wald.

die ersten werden die letzten sein :)

gruss coco

p.s.

Und meinen tu ich auch nicht die Mohrenköpfe, die man als Wegzehrung roh
verspeisen kann (Coco hat an dieser Stelle mal den Tip gegeben)

du hast aber ein erschreckend gutes gedächtnis.

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Mohrenkopfgedächtnis

Johannes K., (vor 7735 Tagen) @ coco

Hallo Coco,

"Erschreckend gutes Gedächtnis" muß man schon haben, wenn man ein paar Schwammerl auseinanderhalten will. Und schaun, ob sie in der Tiefe scharf oder in der Schärfe tief sind!

Im Ernst: ich hab die Mohrenköpf vor etwa einem Jahr hier heroben entdeckt und fand die runzlige Stielspitze sehr adrett. Und just zu der Zeit gabs dann Deinen Tip hier im Forum, was mir das Pilzchen natürlich noch sympathischer machte. Gedächtnisleistung also nix Besonderes.

Johannes

hallo johannes,
wenn du dich dann mal wieder meldest, so etwa ein mal in zwei jahren, dann
ist das stets höchst lesenswert.
als wäre man dabei gewesen, so schüttelt man hinterher den kopf über die
gehetzten... als sässe man dabei und sähe im dampfenden moos, wie sich
zwischen den fichten die mohrenköpfe den gebrochenen sonnenstrahlen
entgegenrecken, wenn wieder ruhe ist im wald.
die ersten werden die letzten sein :)
gruss coco
p.s.
du hast aber ein erschreckend gutes gedächtnis.

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Talk im Wald

AK_CCM, (vor 7736 Tagen) @ Johannes K.

Hallo Johannes,

eine super Geschichte, die ich in frühen Jahren übrigens selbst gelebt habe: An meinem Steinpilzplatz habe ich einen Konkurrenten entdeckt und mich darüber geärgert, dass er vor mir dort war. Also habe ich ihn schnellen Schritts überholt und vor ihm etliche Steinpilze geerntet. Hierzu habe ich die Pilze aus dem Boden gedreht, woraufhin der Herr protestiert hat, das schade den Pilzen, ich solle gefälligst ein Messer nehmen. Mehr habe ich dann von ihm nicht mehr verstanden, da ich schon zu weit weg war.

Heutzutage bin ich da viel entspannter, denn ich kann mich an einem Pfifferling ebenso erfreuen wie an einem Risspilz. Inzwischen macht mir die Pilzfotografie mehr Spaß als Schwammerl für eine Mahlzeit zu suchen, wenngleich ich auf dieses Vergnügen nicht verzichten möchte. Darüber hinaus interessieren mich auch die Leute, was sie gefunden haben, welche Arten sie sammeln, wie sie die Pilze bezeichnen.

Vor kurzem hatte ich eine ältere Dame mit ihrem Enkel angetroffen, die im Mertinger Forst Pilze gesammelt hat: Maronenröhrlinge und einen Steinpilz. Sie erzählte mir, wie sie in ihrer Kindkeit im Böhmerwald Pilze gesammelt hat und wieviele Pfifferlinge es damals noch gab. Eine Sache aber wurmte sie noch heute: In ihrer Schule war bekannt, dass sie einige gute Steinpilzplätze kannte. Eines Tages besuchte der Inspektor die Schule, der den Direktor fragte, ob er nicht jemanden Verlässlichen wüsste, der ihm Steinpilze besorgen kann. Dieser bejahrte seine Frage und beauftragte das Mädchen, Steinpilze für den Schulinspektor zu sammeln. Also zog sie los, sammelte die besten Steinpilze ein, säuberte sie mühsam, schnitt sie in feine Scheiben, zog die Pilzstücke auf Schnüre und hängte sie zum Trocknen auf. Dann überreichte sie dem Schulinspektor satte 1 kg getrocknete Steinpilze - ohne etwas von ihm zu bekommen. Das sagt sie, ärgert sie noch heute.

Und solche Momente, wenn man miteinander ins Gespräch kommt, sind für mich mehr Wert als der größte Steinpilz!

In diesem Sinne wünsche allen ein erholsames und vor allem pilzreiches Wochenende!

Andreas

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Anschauliche, sehr reale Schilderung, paßt überall

Dedimyk, (vor 7736 Tagen) @ Johannes K.

- kein Text -

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Re: Die Irren von Tirol (Text, länger)

Der Juergen, (vor 7736 Tagen) @ Johannes K.

Hallo Johannes,

Gern gelesen!

Grüßle
Juergen

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Re: Die Irren von Tirol .Hallo Johannes..........

Hans hurter, (vor 7735 Tagen) @ Johannes K.

diese Irren das gibt es auch bei uns!Ende August So. 29.08.2004 Vollmond seit einigen Tagen Superstoss!P-Platz am Morgen 07h00 leer mein Korb voll,10h00 P-Platz voll Kennzeichen D,F,CH BL,BS,SO,BE,ZH .Mittag ca.15h mit meiner Frau ,dass sie auch wieder einmal einen Steinpilz vor Ort sieht .P-Platz voll im Wald horizontal vertikal ein irre gerenne von Pilzlern!!!!??? mit Korb und Plasticsack.
Meine Frau hat dann an Stellen wo ich noch nie fündig wurde den Korb gefüllt mit Sommer und Fichtensteini und wir waren glücklich obwohl wir diese Irren nicht verstanden haben!Sogar in der Freizeit Stress ,ich gehe nur am Wochenende wenn die Bedinungen hervorragend sind oder mit meinem Kollegen ins Elsass dort hat es übrigens auch Irre!Herbst 1985 im Berner Oberland,Italienerautos auf dem P-Platz Kennzeichen MI,BO oder BOZ?Irre im Wald mit Funkgeräten!!!Siehe auch Bündnerland!
Liebe Grüsse Hans

Und damit mein ich jetzt nicht die Birkenpilze, die ganz ohne Birke um
Haselnußsträucher herumwachsen (begleitet von einigen
Kornblumenröhrlingen) und sich vermutlich in ewiger Sehnsucht nach der
einzigen Birke weit und breit verzehren. Die stand bis letztes Jahr 20 m
höher, aber gleichzeitig auch 100 m weiter weg --- in Tirol halt immer
alles schief und uneben.
Und ebenso wenig mein ich die Rotkappen, die es völlig ohne einzige Eiche
(Pappel sowieso nicht) im reinen Fichten-/Tannenwald aushalten
(Fuchsröhrlinge?) und jedes Jahr zahlreich erscheinen, so daß die Leut
dieses kleine Stück im Bergwald schon als Rotkappenwald bezeichnen.
Und meinen tu ich auch nicht die Mohrenköpfe, die man als Wegzehrung roh
verspeisen kann (Coco hat an dieser Stelle mal den Tip gegeben), und dann
natürlich gleich noch ein paar Heidelbeeren nachschieben. Und ebenfalls
nicht mein ich das lustige Übereinander von Semmelporling und Zigeuner. In
einem Stockwerk der, im nächsten der ander usw. Ist halt alles ein wenig
uneben.
Und wenn Hias für die bayerischen Berge Steinpilzalarm gibt, sind bei uns
hier 2 Wochen später die Herrenpilze am Steßn. Und nun ist das aber eine
wenig erschlossene Gegend, touristisch gesehen, was für Tirol ja
eigentlich auch wieder eher merkwürdig ist. Zumindest von mir aus gibt’s
keinen Weg nauf zur Alm, wo man sich mit Käse und Butter eindecken kann.
Das geht nur auf alten Pfaden und dann auch querfeldein und steil aufwärts
durch Wald und Almwiese. Und man trifft mal im Herbst einen
Heidelbeersammler, der von oben heruntergekommen ist.
Aber dann.
Ich war nur so unterwegs, wollte mir an der Quelle mit dem besten Wasser von
der Welt meine Flasche auffüllen und nebenbei rumspazieren und blöd
nunterschaun ins Tal, weil kann ja immer sein, einer schaut blöd nauf.
Aber wie ich an einer uralten Buche grad am Überlegen bin, ob ich über den
Sumpf nüber soll und schaun, ob die Habichtspilze vielleicht schon
wachsen, kommt über den steilen Anstieg einer dahergeschossen und beläßt
es nicht beim blöden Naufschaun, sondern rast atemlos an mir vorbei, bevor
ich noch mein Griaßdi herausgebracht hatte. An dieser Stelle hat man es
nicht so mit dem Rasen, weil nach dem steilen Anstieg halt ein bißchen
Verschnaufen angesagt ist. Und eigentlich ist es das Allernormalste von
der Welt, daß nicht nur Verschnaufen, sondern auch längerer Plausch,
quasi: ja was machst jetzt du da? Jetzt ist der durch den Sumpf gerast,
daß auch das Wollgras nicht mehr mit dem Schauen mitkam. Und auf der
anderen Seite hoch und rein in den Wald. Normalerweise achtet man im
Morast ja schon ein bißchen auf seine Schritte, weil versinkt man auch mal
schnell und wenns schlecht geht, Schuh weg und Ausgehanzug dreckig.
Wahrscheinlich hat der deswegen auch eine kurze Hose angehabt. Das spritzt
dann nur aufs bloße Bein.
Ich habs dann schon gemerkt, wieso der es so eilig hatte. Sein weiterer Weg
war gesäumt von Stein-(Herren-)pilz-Resten. Nur von denen, nicht daß einer
glaubt, es hätte irgendeinen Rest von einem anderen Pilz gegeben. Jetzt
hab ich nichts dagegen, daß jemand Steinpilze erntet. Aber interessant das
Konkurrenzgebaren. Er hat es deswegen so eilig gehabt, weil er in mir
einen Konkurrenten vermutet hat. Und deswegen schnellschnell absäbeln die
Beute.
Eine Weile später kam dann noch ein anderer dahergeschossen, Plastiksackerl
in der Hand, kurze Hose auch der (wahrscheinlich wegen dem Durchspritzen
durch den Morast) und ebenso in rasender Eile. Wozu? Erster sein und
nichts übriglassen. Und dann ca. 65 Steinpilze als stolze Beute. Wer soll
die denn alle essen? Ist doch die Großfamilie auch in Tirol schon
abgeschafft.
Sie haben dann beide zielstrebig ein hierorts berühmtes Wäldchen angesteuert,
wobei der eine vom anderen nichts wußte, weil sie zeitlich zu sehr
auseinanderlagen. Also so etwa 15 Minuten. Das Wäldchen besteht aus lauter
Moos- und Heidelbeerbuckeln, nur Fichte, ein Bach rauscht hindurch, und
berühmt ist es, weil man nicht sagen kann, ob jetzt mehr Steinpilze oder
mehr Fliegenpilze drin stehen. (Daß man hin und wieder fast so viele
Mohrenköpfe drin trifft, sag nun wieder ich keinem.) Es gehen ein paar
Pfade hindurch. Und an denen sind die Konkurrenzdeppen entlanggelaufen,
haben Steinpilze gefunden, sie ordnungsgemäß gereinigt, und sind
weitergelaufen, um den nächsten für die ewige Bestenliste zu erwischen.
Aber interessanterweise den Pfad nicht verlassen. Denn da, neben dem Pfad,
standen die Steinpilze noch. Und zwar sehr schöne, junge, knackige. Also
die Qualität, die man dann doch mitnehmen könnte. Während die
Waldputzreste der Superhelden (65 Steinpilze in 30 Minuten!) verrieten,
daß ihre Beute schon weit vor ihnen von ca. 650 Maden (in 3 Minuten)
entdeckt worden war. Und deswegen müssen sie ja auch den halben Stiel
wegschneiden, Hauptsach der Hut ist gewaltig.
Ich bin solchem Wahn hier noch nicht begegnet. Weil ist halt doch eine sehr
stille und abgeschiedene Gegend. Und uneben und merkwürdig alles. Aber daß
dann selbst hier der Irrsinn so rasend schnell Gestalt annimmt und die
urschöne Sache des Pilzesammelns in dieser Gegend dem Erfolgshecheln
unterworfen wird, das hat mich einigermaßen schockiert. Und ich hoffe, daß
ich in der nächsten Zeit niemand mehr begegne, der an mir vorbeiwischt wie
der reinste Föhnsturm. Das kann sich höchstens der Föhnsturm selbst
erlauben.
Vor 3 Wochen hab ich auf einem forststraßenartigen Waldweg eine alte Frau in
Tracht, aber mit den neuesten Bergschuhen an den Haxen getroffen. Und weil
du hier keinem ausweichst, der dir entgegenkommt, haben wir uns
hingestanden und ein bißchen geratscht. Pilze war sehr schnell das Thema.
Und sie hat gesagt, da gibt es einen Deppen, der muß jeden Eierschwamm, so
klein er auch ist, sofort abschneiden und zusammensammeln. Da kann der
Eierschwammknopf noch so klein aus dem Boden spitzen, er muß ihn
mitnehmen. Wir haben beide den Kopf geschüttelt und gesagt, wie kann man
nur so narrisch sein. Und dann sind wir weitergegangen, jeder in eine
andere Richtung.