Die Crux mit den deutschen Pilznamen

AK_CCM, (vor 4652 Tagen)

Hallo in die Runde,

heute möchte ich hier einen Fall des WikiProjekts Pilze ansprechen, der gerade in der Redaktion Biologie der Wikipedia kontrovers diskutiert wird.

Ich hatte angeregt, die Titel von Lebewesenartikeln mit dem veraltenden Wortbestandteil „gemein“ in zeitgemäße Lemmata mit „gewöhnlich“ zu ändern - das beträfe rund 50 Artikel und Weiterleitungen. Hintergrund ist, dass immer mehr Leser „gemein“ nicht mehr im Sinne von „(Botanik, Zoologie, sonst veraltend) keine besonderen Merkmale habend, durch nichts herausragend“ (Quelle: Duden.de) interpretieren können.
Wie aus der Disk. hervorging, soll dieser Sprachwandel in der Botanik bereits weitgehend vonstatten gegangen sein, anders als bei den Pilzen. Für „Die Blütenpflanzen Mitteleuropas“ von Aichele & Schwegler (2004) kann ich das zum Beispiel bestätigen.

Allerdings ist in der Wikipedia die Richtlinie zu beachten, keine Theorieetablierung zu betreiben. Das bedeutet, dass eine Anpassung der Artikeltitel nur erfolgen kann, wenn sich der Sprachwandel bei der entsprechenden Art belegen lässt. Leider habe ich keine Bestimmungsbücher neueren Datums, um das zu überprüfen.

Da hier im Forum mit Tanja, Andreas, Till usw. auch einige Buchautoren unterwegs sind, würde mich gerade deren Meinung interessieren, was sie von gemein vs. gewöhnlich bei dt. Pilznamen halten: Unsinn oder sinnvoll? Und wie haltet ihr das in euren Büchern? Auch Wortmeldungen von Nichtautoren sind willkommen.

Schönen Gruß aus Augsburg

Andreas

PS: Abschließend noch eine Frage an Andreas Gminder und Peter Reil: Wird es in der Zukunft eine Neuauflage des Abbildungsverzeichnisses europäischer Großpilze geben?

Re: Die Crux mit den deutschen Pilznamen

Andreas ⌂, (vor 4652 Tagen) @ AK_CCM

Hallo Andreas,

Da hier im Forum mit Tanja, Andreas, Till usw. auch einige Buchautoren
unterwegs sind, würde mich gerade deren Meinung interessieren, was sie von
gemein vs. gewöhnlich bei dt. Pilznamen halten: Unsinn oder sinnvoll? Und
wie haltet ihr das in euren Büchern?

Sinnvoll fände ich es schon, allerdings sind in meinen Kosmos-Büchern alle Gewöhnlichen Pilze noch Gemeine. Da wurde auch von seitens des Lektorats drauf geachtet, dass das einheitlich bleibt, und man hat sich für "Gemein" entschieden. Mir war's nicht so wichtig, dass ich mich da rumgestritten hätte. Dass das bei anderen Organismen nicht mehr gebräuchlich ist, ist mir noch nicht aufgefallen. Bei einem nächsten Bch würde da dann darauf achten.

PS: Abschließend noch eine Frage an Andreas Gminder und Peter Reil: Wird es
in der Zukunft eine Neuauflage des Abbildungsverzeichnisses europäischer
Großpilze geben?

Möglicherweise, aber nicht in den nächsten 12 Monaten. Das hängt vor allem von den Rechten am Buch ab.

beste Grüße,
Andreas

Re: Die Crux mit den deutschen Pilznamen

AK_CCM, (vor 4652 Tagen) @ Andreas

Hallo Andreas,

Da wurde auch von seitens des Lektorats
drauf geachtet, dass das einheitlich bleibt, und man hat sich für
"Gemein" entschieden. Mir war's nicht so wichtig, dass ich mich
da rumgestritten hätte. Dass das bei anderen Organismen nicht mehr
gebräuchlich ist, ist mir noch nicht aufgefallen.

habe gerade die Neuauflage von "Was blüht denn da?" (Spohn et al. 2008) vor mir liegen, die ebenfalls bei Kosmos erschienen ist. Darin wurde der Wechsel von "gemein" hin zu "gewöhnlich" bereits vollzogen. Sind eure letzten Bücher nicht auch aus dieser Zeit? Wie auch immer: Gut, dass die Redaktion auf eine einheitliche Schreibweise geachtet hatte. Vielleicht klappt die Modernisierung beim nächsten Buch.

Möglicherweise, aber nicht in den nächsten 12 Monaten. Das hängt vor allem
von den Rechten am Buch ab.

Ich frage nur, weil das Werk in der Wikipedia auch als Referenz für die Benennung von Pilzarten und -gattungen dient. Zwar nicht immer, aber überwiegend.

Gruß, Andreas

Re: Die Crux mit den deutschen Pilznamen

Der Juergen, (vor 4652 Tagen) @ AK_CCM

Hallo Andreas,

ein Sprachwandel sollte meinem Empfinden nach von einer Enzyklopädie eher gezeigt werden, als mitgemacht. Es müsste demnach nur ein Eintrag reichen, der das Lemma "gemein" erklärt, nämlich in den Naturwissenschaften im Sinne von "gewöhnlich, verbreitet ..." usw. Ich habe den Disput mal verfolgt: Den "Google-Test" um herauszufinden, ob eine Sprachkonvention existiert, halte ich für gut, besser wäre jedoch eine Metasuchmaschine. Aber auch eine Vereinheitlichung von Begriffen hat was für sich, und Enzyklopädien müssen ja von Zeit zu Zeit Ballast abwerfen dürfen, und auch mal was vorantreiben. Mein Fazit: Wenn das Lemma "gemein" so viele Suchtreffer hat, sollte man eher dieses "gemein" erklären, als ersetzen.

Grüßle
Jürgen

Re: Die Crux mit den deutschen Pilznamen

AK_CCM, (vor 4652 Tagen) @ Der Juergen

Hallo Jürgen,

ein Sprachwandel sollte meinem Empfinden nach von einer Enzyklopädie eher
gezeigt werden, als mitgemacht. Es müsste demnach nur ein Eintrag reichen,
der das Lemma "gemein" erklärt, nämlich in den
Naturwissenschaften im Sinne von "gewöhnlich, verbreitet ..."
usw.

meinst Du diesen Artikel?
https://de.wikipedia.org/wiki/Gemein

Ich habe den Disput mal verfolgt: Den "Google-Test" um
herauszufinden, ob eine Sprachkonvention existiert, halte ich für gut,
besser wäre jedoch eine Metasuchmaschine.

Metager war meine erste Anlaufstation, aber irgendwie bekomme ich damit keine kommulierte Anzahl der Treffer angezeigt. Habe jetzt mal die drei Großen (Microsofts Bing.de, Google.de und Yahoo.de) hergenommen und die Vernakularnamen von Leccinum variicolor gecheckt.

Mein Fazit: Wenn das Lemma "gemein" so viele Suchtreffer hat, sollte
man eher dieses "gemein" erklären, als ersetzen.

Man könnte es ja so handhaben, dass man weiterhin bei Lemmata mit "gemein" bleibt, bis in den gängigen Bestimmungsführern der Sprachwandel vollzogen wurde. In der Einleitung wird ein Satz eingefügt, der kurz erläutert, in welchem Sinn "gemein" zu verstehen ist. Darüber hinaus werden Weiterleitungen mit "gewöhnlich" zu den Artikeln angelegt. Dann sollte alles gefunden werden und alles folgt einem roten Faden.

Gruß, Andreas

Re: Die Crux mit den deutschen Pilznamen

Karl-Heinz ⌂, (vor 4652 Tagen) @ AK_CCM

Hallo Andreas,

habe soeben mal in MykIS reingeschaut. Da sind noch 17 "Gemeine" aufgelistet.
Z. B. "Gemeine Stinkmorchel" und "Gemeiner Birkenpilz".

Mich, als Nichtbotaniker stellt sich dann die Frage:

Sind alle anderen Arten ungewöhnlich, bzw. etwas besonderes?

Grüße
Karl-Heinz

Re: Die Crux mit den deutschen Pilznamen

Andreas ⌂, (vor 4652 Tagen) @ Karl-Heinz

Hallo Karl-Heinz,

habe soeben mal in MykIS reingeschaut. Da sind noch 17 "Gemeine"
aufgelistet.
Z. B. "Gemeine Stinkmorchel" und "Gemeiner Birkenpilz".
Mich, als Nichtbotaniker stellt sich dann die Frage: Sind alle anderen Arten
ungewöhnlich, bzw. etwas besonderes?

innerhalb der Gattung ja.
Die "gemeinste", sprich häufigste Art hat eben den Namen "Gemeine/r Xy" bekommen. Dass das nach heutigen Erkenntnissen nicht immer so ganz stimmt, sei mal nur nebenbei erwähnt. Bei den Stummelfüßchen finde ich das Gemeine Stummelfüßchen (Crepidotus variabilis) eigentlich eher selten, während das "gemeinste" aller bestimmt Crepidotus cesatii ist ...

beste Grüße,
Andreas

Re: Die Crux mit den deutschen Pilznamen

Karl-Heinz ⌂, (vor 4652 Tagen) @ Andreas

Hallo Karl-Heinz,
innerhalb der Gattung ja.
Die "gemeinste", sprich häufigste Art hat eben den Namen
"Gemeine/r Xy" bekommen. Dass das nach heutigen Erkenntnissen
nicht immer so ganz stimmt, sei mal nur nebenbei erwähnt. Bei den
Stummelfüßchen finde ich das Gemeine Stummelfüßchen (Crepidotus
variabilis) eigentlich eher selten, während das "gemeinste"
aller bestimmt Crepidotus cesatii ist ...
beste Grüße,
Andreas

Habe gerade festgestellt, dass es in der selben Datenbank auch 8 "Gewöhnliche" gibt??

Re: Die Crux mit den deutschen Pilznamen

AK_CCM, (vor 4652 Tagen) @ Andreas

Hallo Andreas,

Bei den Stummelfüßchen finde ich das Gemeine Stummelfüßchen
(Crepidotus variabilis) eigentlich eher selten, während das
"gemeinste" aller bestimmt Crepidotus cesatii ist ...

hier könnte man für die Zukunft durchaus über einen Namenswechsel nachdenken. Es böte sich eine Bezeichnung an, die auf der Übersetzung des Epithetons variabilis basiert, konkret "Veränderliches Stummelfüßchen". Das passt auch ganz gut, finde ich.

Gruß, Andreas