Aufgeblähte Steinpilze

UmUlmHerum, (vor 4450 Tagen)

Hallo miteinander!

Wenn ich mich recht erinnere, hatte wir letztes Jahr hier eine Diskussion über Steinis mit enorm aufgeblähten Stiel. Es wurden Fotos von B. edulis mit völlig verkümmertem Hut und ballonförmigem Stiel gezeigt. Diskutiert wurde, durch was so eine Wuchsabweichung verursacht sein könnte (Befall der Frk. oder des Myzels? Durch Hypermyces oder Schimmelpilz oder Bakterien oder Viren?), und ob man solche deformierten Pilze essen sollte oder lieber nicht... Leider finde ich den Thread nicht mehr.

Auch ich hatte letzten Sommer eine Edulis-Stelle mit mehreren solchen Fruchtkörpern. Die Stiele sind innen wie mit Watte gefüllt, die Röhrenschicht wird sehr schnell schimmelig, der Schimmel erfasst in sehr kurzer Zeit den gesamten Pilz (kein Goldschimmel).

Letzte Woche fand ich am gleichen Standort wieder 4 geblähte Steinis; nicht ganz so extrem wie letztes Jahr, aber eindeutig das gleiche Bild. Die Dunkelhütigen sehen ja wirklich frisch und knackig aus – Fehlanzeige: Styropor-Stiel, Hymenium zu 1/3 schimmelig, Hut innen matschig (und verwurmt). Die beiden Hellhütigen waren komplett hinüber.

Ist dies nun ein Beweis dafür, dass das Myzel befallen ist? Von wem oder was? Essbar?

Viele Grüße – Rika

[image]
[image]

Re: Aufgeblähte Steinpilze

Toffel, (vor 4450 Tagen) @ UmUlmHerum

Hallo Rika,

das ist eine Erscheinung, die "little-cap disease" genannt wird. Man hat Viren als Verursacher vermutet und betroffene Pilze daraufhin untersucht. Die beobachteten Viren, wurden aber auch in gesunden Pilzen gefunden. Die Ursache der "Krankheit" ist m. W. bisher unbekannt. In der Studie steht auch, dass betroffene Pilze häufiger als sonst von Maden, Bakterien und Pilzen befallen werden.

Soweit ich weiß, ist über Vergiftungen nichts bekannt. Theoretisch können auch vom Goldschimmel befallene Pilze gegessen werden. Das soll wohl höchstens mal Bauchschmerzen verursacht haben. Viel ist über die Folgen eines Verzehrs betroffener Pilze aber auch nicht bekannt, weil wer isst schon schimmelnde Pilze?

Viele Grüße
Steffen

Re: Aufgeblähte Steinpilze

Xangod, (vor 4450 Tagen) @ Toffel

Ist Goldschimmel nicht karzinogen? Ich denke, ich habe da mal was gehört. Egal, man sollte nicht alles essen und Gammelpilze gehören mit Sicherheit da zu!

Hallo Rika,
das ist eine Erscheinung, die "little-cap disease" genannt wird.
Man hat Viren als Verursacher vermutet und betroffene Pilze daraufhin
untersucht . Die beobachteten Viren, wurden aber auch in gesunden Pilzen
gefunden. Die Ursache der "Krankheit" ist m. W. bisher
unbekannt. In der Studie steht auch, dass betroffene Pilze häufiger als
sonst von Maden, Bakterien und Pilzen befallen werden.
Soweit ich weiß, ist über Vergiftungen nichts bekannt. Theoretisch können
auch vom Goldschimmel befallene Pilze gegessen werden. Das soll wohl
höchstens mal Bauchschmerzen verursacht haben. Viel ist über die Folgen
eines Verzehrs betroffener Pilze aber auch nicht bekannt, weil wer isst
schon schimmelnde Pilze?
Viele Grüße
Steffen

Re: Little Cap Disease

UmUlmHerum, (vor 4450 Tagen) @ Xangod

Ist Goldschimmel nicht karzinogen? Ich denke, ich habe da mal was gehört.
Egal, man sollte nicht alles essen und Gammelpilze gehören mit Sicherheit
da zu!

Hallo Steffen, Jens und Thomas,

herzlichen Dank für Eure Antworten!

Die verlinkte Studie ist aus dem Jahr 1975, ob es da neuere Erkenntnisse gibt? Ich habe dazu jedenfalls auf die Schnelle nix gefunden...

Klar, dass ich gammelige Pilze nicht esse – aber es gibt ja auch einen Zustand davor, bei dem die Krankheit schon sichtbar, der Pilz aber noch okay ist. Beim Goldschimmel ist mein Wissensstand auch, dass der krebserregend sein soll.

Viele Grüße – Rika

Re: Little Cap Disease

Toffel, (vor 4449 Tagen) @ UmUlmHerum

Hallo Rika und Jens,

Klar, dass ich gammelige Pilze nicht esse – aber es gibt ja auch einen
Zustand davor, bei dem die Krankheit schon sichtbar, der Pilz aber noch
okay ist.

das Beispiel mit dem Golschimmel habe ich herangezogen, um zu erklären, dass auf Pilze spezialisierte Parasiten nicht unbedingt giftig für den Menschen sein müssen. Im Fall des Goldschimmels war ich wohl nicht auf dem aktuellen Stand (s. u.). Da die Ursache der Krankheit bisher unbekannt ist, ist über die Giftigkeit wohl noch weniger bekannt, weshalb ich nicht zum Verzehr raten würde. Über Vergiftungen in diesem Zusammenhang oder mit dem Steinpilz allgemein wäre aber sicher etwas bekannt geworden.

Beim Goldschimmel ist mein Wissensstand auch, dass der
krebserregend sein soll.

Ok, dann sollte man befallene Pilze erst recht nicht essen. ;-)

Viele Grüße
Steffen

Re: Aufgeblähte Steinpilze

42, (vor 4450 Tagen) @ UmUlmHerum

Hallo,

diese abnorme Wuchsform kenne ich nicht nur von Steinpilzen, sondern ebenfalls (und dort sehr häufig) von Maipilzen.

Beste Grüße
Thomas '42' Wallner

Re: Aufgeblähte Steinpilze

Gábor, (vor 4450 Tagen) @ UmUlmHerum

Hallo Rika,

diese aufgebläht schwammige Wuchsform habe ich bereits vor langem beobachtet.
Die stelle kenne ich ziemlich genau und noch ein Jahr vorher brachte das Mycel durchweg normal ausschauende Frkp. hervor.
Ein Jahr später hingegen und auch in den Folgejahren waren sämtliche Frkp., die ich diesem Mycel zuordne, wie auf Deinem Foto deformiert.
Jedes Jahr fand ich ein gutes Dutzend schmammig aufgeblähte Steinpilz-Frkp., z.T. sogar in einem Hexenkreis wachsend.
Es geistert halt diese Viren-Geschichte durch das Netz...

LG, Gábor

Re: Aufgeblähte Steinpilze

FlotteLotte, (vor 4450 Tagen) @ UmUlmHerum

Guten Abend,

ich komme sozusagen frisch vom " 3rd International Symposium of Mykoviruses", das letzte Woche stattgefunden hat. Meistens geht es da zwar um die phytopathogenen Viren-befallenen Pilze, aber auch mal um Champignons oder Flechten. Eigentlich, ich meine beruflich, arbeite ich mit Fusarium graminearum mit Virusbefall, aber die eher großen Pilze & Co. sind mein Hobby.

Ich habe letztens ein Virus aus dem Anistrichterling gefischt (A novel mycovirus from Clitocybe odora, doi: 10.1007/s00705-012-1373-0) und hätte durchaus Interesse (und Möglichkeiten) nach Viren mittels dsRNA Extraktion zu schauen und je nach Ergebnis zu sequenzieren, was eine der heute gängigen Methoden ist.
Wenn Viren gefunden werden, sagt das zwar noch nicht, dass der Wuchs vom Virusbefall kommt, aber man hätte dann Möglichkeiten bei anderen (Stein)pilzen mit ähnlichem Wuchs auf die Schnelle zu schauen, ob die gleichen Viren drin sind.

Den Artikel von Huttinga aus 1975 kenne ich. Lustig, dass sich noch keiner wieder drum gekümmert hat.

Viele Grüße aus dem Pilz-armen Norden

Conni

Re: Aufgeblähte Steinpilze

UmUlmHerum, (vor 4449 Tagen) @ FlotteLotte

Hallo Conni,

heute habe ich an einer anderen Stelle, 150 m Luftlinie entfernt vom beschriebenen Fund, einen noch viel krasser geblähten B. edulis mit winzigem Hut gesehen, allerdings schon komplett vom Goldschimmel befallen. Leider ist das an einem meiner ergiebigsten Steini-Plätze, den ich seit etlichen Jahren annähernd alleine abernte – wäre echt schade... In der Nähe vom ersten Bläh-Steini-Standort gab es einen deformierten Pfeffer-Röhrling komplett ohne Hut, allerdings nicht so spektakulär wie der im letztes Jahr, den ich als "Makro-Rätsel" eingestellt hatte:
Beitrag 239385

Nach Gábors und meinen Beobachtungen steckt der Bösewicht im Myzel.
Nun habe ich doch den letztjährigen Thread dazu gefunden, mit Links ins Gruselforum, wo Gerd seine diesbezüglichen Theorien kundtut:
Beitrag 239639

Hättest Du, Conni, Interesse an befallenem Material? Fruchtkörper oder Myzel? Dead or alive?

Gute Nacht – Rika

Guten Abend,
ich komme sozusagen frisch vom " 3rd International Symposium of
Mykoviruses", das letzte Woche stattgefunden hat. Meistens geht es da
zwar um die phytopathogenen Viren-befallenen Pilze, aber auch mal um
Champignons oder Flechten. Eigentlich, ich meine beruflich, arbeite ich
mit Fusarium graminearum mit Virusbefall, aber die eher großen Pilze &
Co. sind mein Hobby.
Ich habe letztens ein Virus aus dem Anistrichterling gefischt (A novel
mycovirus from Clitocybe odora, doi: 10.1007/s00705-012-1373-0) und hätte
durchaus Interesse (und Möglichkeiten) nach Viren mittels dsRNA Extraktion
zu schauen und je nach Ergebnis zu sequenzieren, was eine der heute
gängigen Methoden ist.
Wenn Viren gefunden werden, sagt das zwar noch nicht, dass der Wuchs vom
Virusbefall kommt, aber man hätte dann Möglichkeiten bei anderen
(Stein)pilzen mit ähnlichem Wuchs auf die Schnelle zu schauen, ob die
gleichen Viren drin sind.
Den Artikel von Huttinga aus 1975 kenne ich. Lustig, dass sich noch keiner
wieder drum gekümmert hat.
Viele Grüße aus dem Pilz-armen Norden
Conni