Re: Wer definiert "selten"?
Hallo,
So weit ich das mitbekommen habe, wird der
Begriff "selten" auf jeden Fall regional bezogen definiert (z.
B. im Verbreitungsatlas Deutschland bzw. im Verbreitungsatlas
Baden-Württemberg von G. J. Krieglsteiner)
Naja, ein Gebiet für die Aussage muss natürlich schon definiert werden. Aber ob das nun eine Region ist oder ein Landkreis oder ein Land oder Kontinent oder die ganze Welt - das spielt eigentlich keine Rolle. Es muss nur angegeben werden.
und dann in Abhängigkeit
davon, in wieviel % der MTB-Quadranten in einer Region Fundvorkommen zu
verzeichnen sind/waren.
für die momentane Einschätzung einer Art können nur die aktuellen Standorte berücksichtigt werden, nicht die historischen. Fragt sich natürlich wo man die Grenze zieht. Für die Rote Liste Ba.-Wü. habe ich 1985 angesetzt (20 Jahre). Problematisch in manchen Regionen, in denen in den 70er Jahren viel kartiert wurde und danach nimmer. Da werden scheinbare Rückgänge vorgetäuscht, die in diesem Ausmaß nicht real sind. Das muss ein Bearbeiter aber möglichst einschätzen können.
Andere Organismengrippen verwenden andere Parameter, denn z.B. den Luchs auf MTB-Basis zu kartieren dürfte ganz schön viele "Vorkommen" eines einzelnen Luchses geben *ggg*. Die Ornithologen zählen Individuen, die Fischleute nehmen statt MTB/Quadranten Gewässer.
A. a. O. werden folgende Verbreitungsklassen
unterschieden: sehr selten, selten, zerstreut, mäßig verbreitet, stark
verbreitet, gemein (G. J. Krieglsteiner, Die Großpilze Baden-Württembergs,
Band 1, S. 50). "Selten" bedeutet dabei: kommt in 1 bis 5 % der
Quadranten der betrachteten Region (auf 1 - 5 % der Fläche) vor.
Die von allen Vertretern der einzelnen Organismengruppen für Gut und anwendbar befundene neue Richtlinie des BfN (Matrix-System) hat die Kategorien "extrem selten", "sehr selten", "selten", "mäßig häufig", "häufig" und "sehr häufig". Wie welcher bearbeiter seine Schwellenwerte definiert ist natürlich Bearbeitersache. Für die Rote Liste Ba.-Wü. habe ich in etwa die Werte von Krieglsteiner übernommen.
Für selten wären das also 1-5% der MTB/Quadranten, also 11-55 MTB/Q für Gesamt-Ba.-Wü. und für die einzelnen Naturräume 2-5% (z.B. 3-6 MTB/Q im Oberrheingebiet, 4-8 MTB/Q für die Schwäbische Alb)
Diese Definition von "selten" ist m. E. nicht ganz unproblematisch.
Ein auf diese Art ermitteltes "Selten" kann auch heißen: Art
wurde von den Kartierern nicht erkannt, Art wurde von den Kartierern
übersehen, die Kartierer gehen zu selten in den Wald, die Kartierer gehen
nicht an die richtigen Stellen (z. B. unzugängliche Stellen), die
Kartierer schwärmen nicht beim richtigen Wetter aus, die Kartierer stehen
zu spät auf (wenn die Mykophagen alles schon abgesammelt haben), eventuell
stehen in einer Region auch nicht genügend Kartierer zur Verfügung
Ja, das ist natürlich bei Pilzen ein Problem. Dafür gibt es dann die Kategorie "d", was "Datenlage ungenügend" bedeutet. Zum Leidwesen aller sind das bei den Ascomyceten in Ba.-Wü. satte 40%. Aber wer will denn auch Aussagen zum Rückgang oder Nicht-Rückgang vieler inoperculater Ascos machen, die nur punktuell gesucht und gefunden werden. Der Ist-Zustand geht zwar noch gelegentlich durch die Sachkenntnis einzelner Spezialisten und über manche Rückgangstendenzen kann man aus der Biotopbindung schließen, aber welch ungenügende Datenmenge ist logischerweise z.B. übei die vielen Hyaloscypha-, Cistella- oder gar Mollisia-Arten da!!
(z. B.
habe ich mich schon immer gefragt, weshalb die total genialen Pilzgebiete
Vogelsberg/Hessen, Nördlicher Spessart, Virngrund/Frankenhöhe im
BRD-Verbreitungsatlas von 1992 so relativ "schlecht" wegkommen,
Hessen ist das am schlechtesten bearbeitete Bundesland (Ost und West).
andere Pilzgebiete dagegen als "Eldorado" erscheinen, wie der
nördliche Schwarzwald oder der Schönbuch bei Stuttgart, wo ich noch nie
was Gescheites zusammengefunden habe, und die seit 1999 auch noch stark
"verlothart" sind).
Tja, da kann ich nur sagen: Zur falschen Zeit am falschen Platz gewesen. Die Teilnehmer vom ersten Chattertreffen vor drei Jahren werden sich vielleicht erinnern an unsere Schönbuch-Exkursion, bei der nun wirklich nicht (mehr) viel los war. Aber für ein paar Schleiereulen oder Psathyrella berolinensis und für einige Hände voll Schweinsohren hat's immer noch gereicht. Um die 100 Arten hatten wir trotzdem. Und auch der Nordschwarzwald (ebenso wie der ganze Schwarzwald eigentlich) ist schon noch das beste Pilzgebiet von Ba.-Wü.. Du darfst das natürlich nicht unbedingt mit hochmontanen Bergwäldern bei Pilzschwemme vergleichen, das ist fast unerreicht. Aber auch im Schwarzwald gibt es nicht wenige Waldstücke, in denen man zur Pilzzeit wirklich kaum laufen kann. Hornberg-teilnehmer werden sich sicherlich an den Flözlinger Wald oder ähnliches erinnern.
beste Grüße,
Andreas